Wärmepumpe: Orientierung in bewegten Zeiten

Interview mit Anja Floetenmeyer-Woltmann und Carsten Herbert

Blogartikel 05.08.2026

Von „dafür ist unser Stromnetz nicht bereit“ über „nur für Neubau geeignet“ bis „alternativlos für den Klimaschutz“: Kaum eine Heiztechnologie wird derzeit so kontrovers diskutiert wie die Wärmepumpe.

Mit der bundesweiten Veranstaltungsreihe der Wärmepumpen-Infotage sorgen die Expert:innen Anja Floetenmeyer-Woltmann und Carsten Herbert für Klarheit. Im Interview mit Heiztrend aktuell berichten sie über ihre Erfahrungen und beantworten zentrale Fragen rund um Heizungstausch, Heizungsmodernisierung, Förderung, Wärmepumpe im Altbau und die persönliche Wärmewende.

Abbildung Portrait Anja Floetenmeyer-Woltmann und Carsten Herbert

Warum sind viele Hauseigentümer:innen aktuell verunsichert - und was kann man dagegen tun?

Anja Floetenmeyer-Woltmann:
Unser Ziel ist es, Orientierung zu geben. Die Wärmewende ist komplex, gleichzeitig stehen viele Eigentümer:innen konkret vor einer wichtigen Entscheidung. Wir möchten erklären, wie sich Gesetzeslage, Energiepreise und Technik realistisch entwickeln und was das für die persönliche Heizungsentscheidung bedeutet.

Warum verändert sich das Heizen in Deutschland so grundlegend?

Carsten Herbert:
Zum einen aus klimapolitischen Gründen: Deutschland hat sich gesetzlich zur Klimaneutralität bis 2045 verpflichtet. Zum anderen aus wirtschaftlicher Perspektive: Fossile Energien werden knapper, die Abhängigkeit von Importen bleibt hoch und durch CO₂-Preise sowie neue Marktmechanismen werden fossile Energieträger schrittweise teurer. Beides zusammen macht einen Systemwechsel notwendig.

Darf ich meine Gas- oder Ölheizung weiterhin betreiben?

Anja Floetenmeyer-Woltmann:
Ja, bestehende Heizungen dürfen weiter genutzt und auch repariert werden. CO2-Preis, Biotreppe und sinkende Förderung machen Warten teurer. Jetzt durchrechnen, Fördermittel sichern – der Einbau hat dann Zeit.

Häufig wird über "grüne GAse" wie Wasserstoff oder Biomethan diskutiert. Sind diese Technologien eine realistische Alternative im Heizungsbereich?

Anja Floetenmeyer-Woltmann:
Für einzelne Anwendungen möglicherweise, für die breite Nutzung im Gebäudebestand eher nicht. Grüner Wasserstoff wird langfristig vor allem in Industrie und Schwerverkehr benötigt und bleibt teuer. Biomethan ist begrenzt verfügbar und ebenfalls kostenintensiv. Für den Gebäudebereich ist die Wärmepumpe derzeit die effizienteste und wirtschaftlichste Technologie.

Wie sieht der Kostenvergleich im Alltag aus?

Carsten Herbert:
Ein Beispiel: Bei einem typischen Einfamilienhaus mit 15.000 Kilowattstunden Wärmebedarf liegen die jährlichen Heizkosten mit einer Wärmepumpe schon heute deutlich unter denen einer Gasheizung. Gleichzeitig sind die Stromkosten vergleichsweise stabil, während Gas- und Ölpreise künftig weiter steigen dürften.

Oft hört man, Wärmepumpen seien nur für Neubauten geeignet. Wie sehen Sie das?

Carsten Herbert:
Das stimmt so nicht. Wärmepumpen funktionieren auch im Altbau – sogar in sehr alten Gebäuden. Entscheidend ist eine niedrige Heiztemperatur und damit auch der Wärmebedarf. Und den kann man für kleines Geld erheblich senken: oberste Geschossdecke dämmen, Ritzen und Fugen abdichten, einzelne Heizkörper vergrößern. Solche Maßnahmen sparen oft 25 bis 35 Prozent Energie – sanieren muss dafür niemand.

Wie verbreitet sind Wärmepumpen heute - auch im europäischen Vergleich?

Anja Floetenmeyer-Woltmann:
In Ländern wie Norwegen oder Dänemark sind Wärmepumpen seit Jahren Standard. Und Deutschland holt auf: 2025 entfiel bereits knapp die Hälfte aller neu installierten Heizungen auf Wärmepumpen, die meisten davon im Altbau. Das ist jetzt der Massenmarkt – es werden mehr Wärmepumpen verkauft als Gas- und Ölheizungen zusammen!

Die Investition erscheint vielen dennoch hoch. Wie relativieren Förderungen die Kosten?

Anja Floetenmeyer-Woltmann:
Die Kosten für eine Umstellung auf die Wärmepumpe hat man wegen hoher Gas- und Ölpreise heute schon nach rund zehn Jahren wieder drin – solange es noch gute Fördermittel gibt. Zudem gibt es zinsgünstige Ergänzungskredite.

Gibt es Lösungen für Eigentümer:innen, die keine klassische Finanzierung möchten?

Anja Floetenmeyer-Woltmann:
Wichtig ist die Reihenfolge: Zuerst beauftragt man eine Wärmepumpe, denn nur damit lässt sich die Förderung beantragen. Ist diese bewilligt, darf der Einbau losgehen – dafür hat man dann sogar bis zu drei Jahre Zeit. Besonders günstig ist übrigens eine Umrüstung auf Luft/Luft-Wärmepumpen, mit denen man im Sommer auch kühlen kann. Es gibt sehr gute Lösungen, und alles ist billiger, als weiter mit Gas oder Öl zu heizen.

Was raten Sie Menschen, die aktuell über einen Heizungstausch nachdenken?

Anja Floetenmeyer-Woltmann:
Der wichtigste Schritt ist Information. Den eigenen Energieverbrauch kennen, unabhängige Beratung nutzen, Angebote vergleichen. Wer strukturiert vorgeht und sich fachkundig begleiten lässt, trifft in der Regel eine gute, langfristig tragfähige Entscheidung.

Und Ihr persönliches Fazit?

Anja Floetenmeyer-Woltmann:
Die Wärmewende ist in der Bevölkerung angekommen. Wärmepumpen bieten heute hohe Effizienz, und niemand muss sich um Versorgungssicherheit sorgen – anders als bei Gas und Öl. Die Strompreise sind nicht nur günstig, sie werden mittel- bis langfristig weiter sinken, weil die Erneuerbaren ausgebaut werden.

Die Expert:innen im Überblick

Die Expert:innen im Überblick

Anja Floetenmeyer-Woltmann

Anja Floetenmeyer-Woltmann ist Wärmewende-Expertin und Veranstalterin der bundesweiten Wärmepumpen-Infotage – aktuell die größte herstellerneutrale Informationsreihe zum Heizungstausch in Deutschland.

Außerdem ist sie Mitglied im Wärmepumpenbeirat der EU-Kommission. Allein im Winterhalbjahr 2025/26 hat sie im Rahmen der Wärmepumpen-Infotage vor mehr als 6.500 Menschen gesprochen.

Anja Floetenmeyer-WoltmannAnja Floetenmeyer-Woltmann

Carsten Herbert

Carsten Herbert ist als „ENERGIESPARKOMISSAR“ bekannt. Er ist Spiegel-Bestseller-Autor und mit über 130.000 Abonnenten auf YouTube einer der führenden Haustechnik-Influencer im deutschsprachigen Raum.

Auf seiner Website betreibt er ein Wissensportal für Wärmepumpen. Zudem tritt er regelmäßig bei Podcasts, Informationsveranstaltungen und im Fernsehen auf.

Carsten HerbertCarsten Herbert

Fragen zur Heizungsmodernisierung: Was Eigentümer:innen wissen sollten

Vor dem Wechsel zur Wärmepumpe haben viele Modernisierer:innen großen Informationsbedarf. Kein Wunder: Die Wärmepumpe nutzt eine andere Technologie zur Wärmeerzeugung als herkömmliche fossile Heizungen.

Heiztrend aktuell gibt Antworten auf die drängendsten Fragen – damit Eigentümer:innen gut informiert in ihre persönliche Wärmewende starten können.

Die wichtigsten Fragen zur Wärmepumpe im Überblick

Die wichtigsten Fragen
Ab wann ist mein Haus zu alt für eine Wärmepumpe?

Entscheidend ist nicht das Baujahr, sondern der energetische Zustand des Gebäudes – also das Zusammenspiel von Wärmedämmung, Fenstern und Heizsystem.

Kann die notwendige Vorlauftemperatur effizient durch eine Wärmepumpe bereitgestellt werden, steht einem Wechsel grundsätzlich nichts im Weg.

Auch Gebäude aus den 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahren können häufig ohne umfassende Sanierungsmaßnahmen umgestellt werden.

Ist eine Fußbodenheizung zwingend notwendig?

Nein.

Moderne Wärmepumpen funktionieren auch mit klassischen Heizkörpern. Entscheidend ist, dass die benötigte Wärme bei möglichst niedrigen Vorlauftemperaturen an die Räume abgegeben werden kann.

Dafür wird eine individuelle Heizlastberechnung durchgeführt. Gegebenenfalls können einzelne Heizkörper vergrößert oder ein hydraulischer Abgleich vorgenommen werden.

Reicht die Heizleistung im Winter aus?

Ja.

Moderne Wärmepumpen sind für den mitteleuropäischen Winter ausgelegt und arbeiten auch bei Minusgraden zuverlässig.

Luft/Wasser-Wärmepumpen mit Zubadan-Technologie von Mitsubishi Electric stellen ihre volle Nennleistung bis −15 °C bereit. Dadurch ist selbst bei sehr niedrigen Außentemperaturen kein elektrisches Zuheizen erforderlich.

Bleiben Sie informiert

Weitere Antworten auf häufig gestellte Fragen sowie Termine, Checklisten und Know-how finden Sie online im Heiztrend interaktiv.

Dort können Sie sich außerdem zum E-Mail-Newsletter anmelden und die aktuelle Ausgabe des Heiztrend aktuell als PDF herunterladen.

Das könnte Sie auch interessieren

Blogartikel